Ein Mann war aus einem tschechischen Dorf aufgebrochen, um sein Glück zu machen. Nach fünfundzwangzig Jahren war er reich und mit Frau und Kind zurückgekehrt. Seine Mutter unterhielt mit seiner Schwester in seinem Geburtsort ein Hotel. Um sie zu überraschen, hatte er seine Frau und sein Kind in einem anderen Gasthof gelassen, war zu seiner Mutter gegangen, die ihn nicht erkannt hatte, als er hereinkam. Er war auf die Idee gekommen, zum Spaß ein Zimmer zu nehmen. Er hatte sein Geld gezeigt. Nachts hatten seine Mutter und seine Schwester ihn mit einem Hammer totgeschlagen, um ihn auszurauben, und hatten seine Leiche in den Fluss geworfen. Am Morgen war die Frau gekommen, hatte, ohne es zu wissen, die Identität des Reisenden enthüllt. Die Mutter hatte sich erhängt. Die Schwester hatte sich in einen Brunnen gestürzt. Ich habe diese Geschichte wohl Tausende Male gelesen. Einerseits war sie unwahrscheinlich. Andererseits normal. Jedenfalls fand ich, dass der Reisende es ein bisschen verdient hatte und dass man nie spielen soll.
Der Fremde, Albert Camus, rororo, 64. Auflage, 2011, 160 Seiten; S. 104.
Der nationale Wahn lässt Leute wie Fleischhauer und seine Leser tatsächlich glauben, sie persönlich würden Europa dominieren, obwohl sie doch nur, wie unzählige andere Leute in verschiedenen Staaten auch, jeden Tag irgendeine Arbeit machen. Man muss sie fast bewundern, diese Fähigkeit, sich angesichts eines undurchsichtigen Geschehens auf Märkten und in Staatshaushalten mit bestimmten Zahlen, in diesem Falle einigen Kennziffern für Wirtschaft in Deutschland, zu identifizieren und zu sagen: Das habe ich gemacht! Dass ich im globalen Kapitalismus so wenig für die deutschen oder griechischen Haushalte kann wie Jan Fleischhauer oder ein griechischer Altenpfleger, das wäre eine für Nationalisten durch und durch ernüchternde Erkenntnis.
Die eigentliche Pointe, Bonde, 28. Juni 2012, verbrochenes.net
Ich fühlte mich völlig leer und hatte ein bisschen Kopfschmerzen.
Der Fremde, Albert Camus, rororo, 64. Auflage, 2011, 160 Seiten; S. 63.
Langeweile ist Funktion des Lebens unterm Zwang zur Arbeit und zur Arbeitsteilung. Sie müsste nicht sein. Wann immer das Verhalten in der freien Zeit wahrhaft autonom von freien Menschen für sich selbst bestimmt ist, stellt Langeweile schwerlich sich ein. Dort eben so wenig, wo sie ihrem Glücksverlangen ohne Versagung folgen, wie dort, wo ihre Tätigkeit in der freien Zeit selbst vernünftig als ein an-sich Sinnvolles ist. Noch blödeln braucht nicht stumpf zu sein, kann selig als Dispens von den Selbstkontrollen genossen werden. Vermöchten die Menschen über sich und ihr Leben zu entscheiden, wären sie nicht ins Immergleiche eingespannt, so müssten sie sich nicht langweilen. Langeweile ist der Reflex auf die objektive Immergleichheit.
Freizeit, Zeit der Freiheit? Vortrag aus dem Jahre 1969, Theodor W. Adorno, 1969.
Wird eine Fußballweltmeisterschaft vom Radio übertragen, deren jeweiligen Stand die gesamte Bevölkerung aus allen Fenstern und durch die dünnen Wände der Neubauten hindurch zur Kenntnis zu nehmen gezwungen ist, so mögen selbst spektakulär verschlampte Gammler und wohlsituierte Bürger in ihren Sakkos einträchtig um Kofferradios auf dem Bürgersteig sich scharen. Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteuerte und kommerzialisierte Solidarität der Fußballinteressenten zur Volksgemeinschaft zusammen. Der kaum verdeckte Nationalismus solcher scheinbar unpolitischen Anlässe von Integration verstärkt den Verdacht ihres destruktiven Wesens.
Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Band 8: Soziologische Schriften I, S. 188 f. (via junesixon).
(via abgrundtiefe)
Die Einstellung während der Nachkriegsjahre ist später als “kommunikatives Beschweigen” bezeichnet worden, das nicht einfach eine Form der Verdrängung war. Vielmehr mischten sich darin Ernüchterung, Scham und Trotz zu einem schwer durchdringlichen Komplex der Schuldabwehr. Dazu die Neigung zu nachträglich konstruierten Heldenrollen. Manche erfanden Widerstandshandlungen, die sie nie erbracht hatten, andere begaben sich im Zerknirschungsspiel auf die Suche nach einem gut sichtbaren Platz auf der Selbstanklagebank. In allem Gejammere schienen sie aber bereit, jeden, der es ihnen nicht gleichtat und ständig die sündige Brust abklopfte, zu verleumden. Wenn Günter Grass oder einer der ungezählten Selbstbezichtiger auf ihr Schamgefühl deuteten, wollten sie keineswegs auf irgendeine eigene Schuld verweisen, sondern auf die vielen Gründe, die alle anderen hatten, sich zu schämen. Zu ihrer und unser aller Schande, so meinten sie, fände sich die Masse dazu aber nicht bereit. Sie selbst fühlten sich bereits durch das Bekenntnis ihrer Scham von jeglichem Vorwurf frei.
Joachim Fest - Ich nicht (via preferably-not).
An denen, die das unverdiente Glück hatten, in ihrer geistigen Zusammensetzung nicht durchaus den geltenden Normen sich anzupassen […], ist es, mit moralischem Effort, stellvertretend gleichsam, auszusprechen, was die meisten, für welche sie es sagen, nicht zu sehen vermögen oder sich aus Realitätsgerechtigkeit zu sehen verbieten. Kriterium des Wahren ist nicht seine Kommunizierbarkeit an jedermann.
Negative Dialektik, Theodor W. Adorno, In: Gesammelte Schriften, Band 6, Suhrkamp Verlag, 1979, S. 51, Zitiert nach: Axel Honneth: Gerechtigkeit im Vollzug. Adornos Einleitung in die Negative Dialektik., In: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Axel Honneth, Suhrkamp Verlag, 2007, 3. Auflage, 239 Seiten; S. 107.
Womit Adorno nun aber weit über die Einsichten dieser Strömungen [Psychoanalyse, Nitzsches genealogische Vorgehenswiese; d.V.] hinausgeht, ist die parodox anmutende Behauptung, daß gerade aus der Dezentrierung des Subjekts dessen Aufwertung zum entscheidenden Medium objektiver Erkenntnis folgen muß: Die Empfindlichkeit des entmächtigten Subjekts ist, so lautet der Gedankengang, die epistemische Garantie dafür, daß die qualitativen Eigenschaften des Objekts zur Wahrnehmung gelangen. Adorno denkt sich diesen Zusammenhang, der den Kern seiner Ausführungen zur gewandelten Stellung des Subjekts ausmacht, offenbar folgendermaßen […]: Sobald das Subjekt eingesehen hat, daß es zur rationalen Durchdringung der Wirklichkeit nicht in der Lage ist, gewinnt es durch den Verlust seiner sinngebenden Souveränität zugleich eine neue „Unbefangenheit“ im Vertrauen auf seine eigenen Erfahrungen; denn es kann nun, dem Zwang zur Vereinheitlichung seines Wissens enthoben, offen und differenziert allen Empfindungsregungen nachgehen, die in ihm durch die letztlich unkontrollierbare Welt der Gegenstände und Ereignise ausgelöst werden; dieser Zuwachs an Differenziertheit und Sensibilität führt dazu, daß das Subjekt die Genauigkeit in der Registrierung seiner Wahrnehmungen entwickelt, die die Voraussetzung für eine Erfahrung des „nichtidentischen“, qualitativen Horizonts aller Objekte ist. Also folgt aus dem Souveränitätsverlust des Subjekts, der mit der Wendung zur negativen Dialektik, einhergeht, die Aufwertung seiner subjektiven Erfahrungen zu einem zentralen Erkenntnismedium.
Axel Honneth: Gerechtigkeit im Vollzug. Adornos Einleitung in die Negative Dialektik., In: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Axel Honneth, Suhrkamp Verlag, 2007, 3. Auflage, 239 Seiten; S. 105.
Es mag indes sein, daß Adorno an dieser Stelle seiner Deutung des Kapitalismus noch einen anderen Gedanken zum Tragen bringt, der überall dort aufscheint, wo er emphatisch von der Kindheit spricht. Adorno geht davon aus, so hatten wir gesehen, daß sich die menschliche Vernunft auf dem Weg einer kindlichen Nachahmung geliebter Personen bildet; erst der mimetische Nachvollzug der Perspektive des Anderen gibt dem Kleinkind die Chance, seine eigene Sichtweise soweit zu dezentrieren, daß es zu einer abgewogenen und damit rationalen Beurteilung von Sachverhalten vordringen kann. Von diesen frühkindlichen Erfahrungssituationen, in denen sich unser Denken durch Liebe bildet, scheint Adorno nun anzunehmen, daß sie als Instrumentalisierung unseres Geistes noch ein Fortbestehen haben; selbst der Erwachsene, der sich gänzlich konform zu den instrumentellen Zwängen der kapitalistischen Lebensform verhält, bewahrt eine schwache Erinnerung an die Herkunft seines Denkens aus frühen Momenten der Emphatie und Zuwendung. Ein derartiges Erfahrungsresiduum ist es, auf das Adorno an verschiedenen Stellen seine Zuversicht stützt, daß Subjekte trotz aller Verblendung weiterhin ein Interesse an der Befreiung ihrer Vernunft besitzen: Die Erinnerung an die Kindheit läßt inmitten aller instrumentellen Lebensvollzüge stets wieder den Wunsch wach werden, von den sozialen Beschränkungen befreit zu werden, die der Tätigkeit unseres Geistes auferlegt sind. Ist dies der bestimmende Gedanke, der sich hinter Adornos trotziger Zuversicht verbirgt, so wäre seine Physiognomie der kapitalistischen Lebensform in einem normativen Bilder der Kindheit verankert.
Axel Honneth: Gerechtigkeit im Vollzug. Adornos Einleitung in die Negative Dialektik., In: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Axel Honneth, Suhrkamp Verlag, 2007, 3. Auflage, 239 Seiten; S. 91-92.




6