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Abendländisches Sinthome | Theoretische Stepppunkte

August 1, 2014 at 6:05pm
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Miteinander als Nebeneinander

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— Artem @ Flickr, Night over Yokohama. Somewhere in Nogecho…, 2011.

"Die In-Differenz begünstigt auch ein intensives Nebeneinander des Verschiedenen. Sie erzeugt ein Maximum an Zusammenhalt mit einem Minimum an organischem, organisiertem Zusammenhang. Die synthetische Zusammenfügung weicht einem syndetischen Kontinuum der Nähe. Hier verbünden sich die Dinge nicht zur Einheit. Sie sind keine Mit-Glieder einer organsichen Totalität. Darum wirken sie freundlich. Die Mitgliedschaft ist keine freundliche Nachbarschaft. Kein Dialog hat die Dinge zu vermitteln oder zu versöhnen. Sie haben nicht viel miteinander zu tun. Vielmehr entleeren sie sich in eine in-differente Nähe.”

— Byung-Chul Han, Abwesen. Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens, Merve Verlag Berlin, 2007, S. 43.

Byung-Chul Han abwesen leere indifferenz yokohama japan
Juli 31, 2014 at 8:37pm
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Alleingelassen

Byung Chul-Han über das gezwungene, weil sich selbst zwingende rastlose Subjekt als ein vereinzeltesverlassenes, alleingelassenes:

Du kannst erzeugt massive Zwänge, an denen das Leistungssubjekt regelrecht zerbricht. Der selbstgenerierte Zwang erscheint ihm als Freiheit, sodass er nicht als solcher erkannt wird. Du kannst übt sogar mehr Zwang aus als Du sollst. Der Selbstzwang ist fataler als der Fremdzwang, weil kein Widerstand gegen sich selbst möglich ist. Das neoliberale Regime verbirgt seine Zwangsstruktur hinter dder scheinbaren Freiheit des einzelnen Individuums, das sich nicht mehr als unterworfenes Subjekt (subject to), sondern als entwerfendes Projekt begreift. Darin besteht seine List. Wer scheitert, ist außerdem selbst schuld und trägt diese Schuld fortan mit sich herum. Es gibt niemand, der für sein Scheitern verantwortlich zu machen wäre. Es gibt auch keine Möglichkeit der Entschuldung und Entsühnung mehr. Dadurch entsteht nicht die Schulden, sondenr auch die Gratifikationskrise.”

— Byung Chul-Han, Agonie des Eros, Matthes & Seitz Berlin, 2012, S. 16 - 17.

byung chul-han kapitalismus zwang leistungssubjekt
6:49pm
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Eine Frau hat […] nur die Möglichkeit, sich entweder als hyperabstrakt (‘unmittelbar allgemeine’, heißt es bei Hegel) zu erleben, um dadurch der göttlichen Gnade und Eingliederung in die symbolische Ordnung teilhaftig zu werden; oder als gänzlich verschieden, anders gefallen (‘unmittelbar besondere’, so erneut Hegel). Ausgesperrt bleiben wird sie von ihrer Komplexität als geteiltes, heterogenes Wesen, als Falte-und-Katastrophe-des-‘Seins’ (‘niemals einzelne’, so wieder Hegel).

— Julia Kristeva, Geschichten von der Liebe, Suhrkamp, 1989, S. 240.

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4:39pm
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Maria. Die Frau als symbolisches Kapital.

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— William-Adolphe Bouguereau, La Vierge au Lys, 1899.

Julia Kristeva über Maria als einer aus Frau und Gott bestehende Totalität, durch die die Frau ihren genealogischen Platz  durch die Festschreibung ihrer Funktion als Mutter, Gattin und Tochter in der abendländischen Gesellschaft erhält. Die Verkörperung der göttlichen — phallischen — Macht durch Maria konstituiert die Frau als Objekt, als symbolisches Kapital für den Mann.

"Grundlegende Aspekte der abendländischen Liebe laufen schließlich in Maria zusammen. In einer ersten Phase scheint durchaus ein Widerspruch zwischen dem Marienkult, der Maria Jesus gleichstellt und die Askese bis zum äußersten treibt, und der höfischen Liebe zur edlen Frau bestanden zu haben, die zwar eine soziale Überschreitung darstellt, aber keinerlei körperliche oder soziale Sünde. Doch bereits am Anbeginn der noch sehr fleischlichen ‘Courtoisie’ stellten Maria und die elde Frau gemeinsam das Ziel des männlichen Wünschens und Strebens dar. Übrigens verkörperten die edle Frau und die Jungfrau Maria durch ihre Einmaligkeit und den Ausschluß jeder anderen Frau eine um so anziehendere absolute Autorität, als die sich anscheinend der väterlichen Strenge entzog. Diese weibliche Macht wurde vermutlich wie eine verleugnete Macht erlebt, die angenehmer zu erobern, weil gleichzeitig archaisch und sekundär war, eine Art Ersatz für die tatsächliche Macht in der Familie und im Staat, aber nicht weniger autoritär, ein listiges Double der ausdrücklichen phallischen Macht."

— Julia Kristeva, Geschichten von der Liebe, Suhrkamp, 1989, S. 237.

Folgender Auszug ließe sich unter der Schablone der Emanzipation lesen — die Frau als Nachkomme Marias als begehrenswertes Objekt für den Mann. Durch ihre Rückbindung an Gott und ihre dadurch erhaltene Stellung als Objekt der Begierde des Mannes behält sie die Oberhand im Geschlechterverhältnis.

"Denn wenn die Mutter vor ihrem Sohn das Haupt beugt, so tut sie dies nicht ohne den unermeßlichen Stolz derjenigen, die sich auch als dessen Gattin und Tochter weiß. Sie weiß, daß ihr jene Ewigkeit (des Geistes und der Gattung) verheißen ist, die keine Mutter unbewußt ignoriert und in deren Anbetreacht der Preis für die Hingabe oder selbst die mütterliche Aufopferung lächerlich erscheint."

— ebd., S. 239.

Ein den obigen Gedankengang aufgreifener Feminismus wäre jenem zu bevorzugen, der das Geschlechterverhältnis einebnet, indem Mann und Frau auf ein gleichgestelltes abstrakes kapitalistisches Subjekt reduziert werden. Denn dadurch verliert sich die Geschlechterdifferenz im Zuge der kapitalistischen Logik — es bleibt ein von jeglicher Subjektivität befreites Subjekt übrig, welches durch Reduzierung auf eine auszuwertende betriebswirtschafltiche Kennzahl dem ökonomischen Prozess subsumiert wird.

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3:56pm
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Die, die nichts zu verlieren haben. Liebe zum Tod.

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"Hegels Dialektik von Herr und Knecht beschreibt einen Kampf auf Leben und Tod. Derjenige, der sich später als Herr erweist, fürchtet den Tod nicht. Sein Begehren nach Freiheit, Anerkennung und Souveränität erhebt ihn über die Sorge um das bloße Leben. Es ist die Furcht vor dem Tod, die den künftigen Knecht dazu bringt, sich dem Anderen zu unterwerfen. Er zieht die Knechtschaft dem drohenden Tod vor. Er klammert sich an das bloße Leben. Nicht die physische Überlegenheit einer Partei bestimmt den Ausgang des Kampfes. Entscheidend ist vielmehr die ‘Fähigkeit des Todes’. Wer die Freiheit zum Tod nicht hat, wagt sein Leben nicht. Statt ‘mit sich selbst bis auf den Tod zu gehen’, bleibt er ‘an sich selbst innerhalb des Todes stehen’. Er wagt sich nicht zum Tod. So wird er Knecht und arbeitet.”

— Byung Chul-Han, Agonie des Eros, Matthes & Seitz Berlin, 2012, S. 28 - 29.

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Juli 30, 2014 at 8:04pm
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Martin Heidegger. Geschick und Kehre.

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In Anknüpfung an die vorigen Einträge einige Auszüge, die Heideggers nationalsozialistisches Engagement als Akt gegen den zunehmenden Zusammebruch des Symbolischen lesbar machen sollen und die Funktion seiner Kehre für ihn als Privatperson und Theoretiker auf kritische Weise darlegen.

"Bis etwa 1935 dachte er, der Nationalsozialismus böte eine einzigartige Chance, moderne Technik, Arbeit und Mobilisierung auf der einen Seite ganz und gar anzunehmen und sie gleichzeitig in den ‘eigentlichen’ politischen Akt eines Volkes, welches sein Schicksal wählt, eine Entscheidung trifft usw., mit einzuschließen. Als Ergebnis bleibe demnach die Technik (kein aseptischer Traditionalismus), aber damit verbunden auch die Wurzeln, das Volk, die eigentliche Entscheidung, nicht das Man — im Gegensatz zur russischen oder amerikanischen Variante, die auf je eigene Weise diese Dimension der Eigentlichkeit verraten (entweder als liberaler Individualismus oder als Massenmobilisierung)."

—  Slavoj Žižek, Parallaxe, Suhrkamp, 2006, S. 360.

Trotz Sympathie für die nationalsozialistische Bewegung ging Heidegger zum einen nie ganz darin auf und wurde andererseits vom nationalsozialistischen Appart nie ernstgenommen:

"Mit existenziellen Grundbegriffen von Entschlossenheit, Wille zu sich selbst und zur Größe sowie vom Kampf als Grundprinzip des Lebens wollte er seine Philosophie zum geistigen Programm der politischen Bewegung machen und — wie Jaspers bitter spottete —  ’den Führer führen’. Im Gegensatz zu vielen opportunistischen Reden damals war die seine ernst gemeint, und um so härter kam es ihn an, daß seine Führung weder in der Praxis der Hochschule geschweige denn des Landes anerkannt, sondern er binnen weniger Monate von einer Koalition traditioneller und nationalsozialistischer Hochschulpolitiker ‘ausgeschaltet’ wurde. Er zog sich zurück; doch es kam zu keinem erkennbaren Burch: Er lehrte, blieb in der NSDAP, in die er 1933 eingetreten war, publizierte und strich 1937 in einer Neuauflage von ‘Sein und Zeit’ die Widmung an seinen jüdischen Lehrer Edmund Husserl; er wirkte in Beraterkreisen auf Reichsebene mit und fertigte auch antisemitische Gutachten an. Andererseits war er eher völkisch-radikal als rassistisch, und wohl auch deshalb ließ ihn der Rasse- und Ideologieapostel des neuen Regimes Rosenberg nicht hochkommen."

— Lutz Niethammer, Posthistoire. Ist die Geschichte zu Ende?, Rohwolt, 1989, S. 98.

Auf seine Abqualifizierung als unbrauchbarer Seinsmystiker und die damit verbundene Enttäsuchung über die Richtung der nationalsozialistischen Bewegung, die für ihn immer schon eine völkische und weniger genuin antisemitische war, folgte besagte Kehre, deren Implikationen zu ihm als Person und das seinen Ruf begründende Sein und Zeit nicht außer Acht gelassen werden dürfen:

"Wenn Heideggers kulturkritische Stoßrichtung gegen die Weimarer Gesellschaft als ‘Sehnsucht nach Härte und Schwere’ charakterisiert werden konnte, so hat sein kritischer Schüler Karl Löwith die sogenante Kehre mit der bestimmten Zartheit seiner Skepsis auf ‘das Verlangen nach dem Verlust von Schwere und Verschlossenheit’ zurückgeführt, insofern auch auf eine Flucht aus der eigenen Verantwortung. Das führt zu Schriften, die das Hauptwerk konsequent umdeuten, als sei es in der Substanz seiner Untersuchungen nicht vom Dasein, sondern vom Sein als Denkvoraussetzung ausgegangen und die den Denker nun als einen empfehlen, der in der Nachbarschaft des Seins wohnt und dessen Geschichte kündet. Im Tunnel des Tiefgangs, in dem die deutschtümelnden Sprachspiele scheinbar entpolitisiert und durch Bezüge aus Wald und Feld naturalisiert werden, erscheint dieses Sein als ‘Lichtung’, an deren Rand der Mensch mit dem Rücken zum Wald ‘ek-sistiert’, das heißt hinaussteht. Aus dieser Position verflüchtigt sich ihm alle konkrete geschichtliche Interaktion, Verantwortung und Verständigung zu einem ‘Geschick’, das allenfalls durch Enthaltung gemildet werden kann. Statt dessen meint er eine neue Epoche der Seinsgeschichte selbst erahnen zu können, welche die Selbst- und Technikbestimmtheit der neuzeitlichen Moderne ablöst."

— ebd., S. 100 - 101.

Die Kehre begründet die Popularität des Philosophen bei denen, die andere Perspektiven suchen — Heidegger als Ziehvater der Postmoderne.

Habermas an anderer Stelle über die Kehre als Manöver, sich jeglicher Verantwortung zu entziehen:

"Wenn sich hingegen die Enttäuschung am Nationalsozialismus über die vordergründige Sphäre verantwortlichen Urteilens und Handelns erheben und zu einem objektiven Irrtum, zu einem fatal sich enthüllenden Irrtum stilisieren ließ, mußte die Kontinuität mit den Ausgangspositionen von ‘Sein und Zeit’ nicht gefährdet werrden […] Seitdem konnte er den Faschismus seinerseits als Symptom betrachten und, einträchtig mit Amerikanismus und Kommunismus, als Ausdruck der metaphysischen Herrschaft der Technik einordnen."

— Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne. Zwölf Vorlesungen, Suhrkamp, 1985, S. 188f.

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4:39pm
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Verschwörungsdenken. Der Andere des Anderen.

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Slavoj Žižek zum Niedergang des Symbolischen im Spätkapitalismus als Ursache verschwörerischer Gedankenkonstrukte:

"Das paradoxe Ergebnis der Mutationen in der Nichtexistenz der großen Anderen — des immer stärker werdenden Zusammenbruchs der symbolischen Leistung — ist folglich das Wuchern der verschiedenen Versionen eines großen Anderen, der im Realen tatsächlich existiert, nicht bloß als symbolische Fiktion. […] Das Misstrauen gegenüber dem großen Anderen (der Ordnung symbolischer Fiktionen), die Weigerung des Subjekts, ‘es ernst zu nehmen’, hängt vom Glauben ab, dass es einen ‘Anderen des Anderen’ gibt, das ein geheimer, unsichtbarer und allmächtigerAgent wirklich ‘die Fäden zieht’ und die ganze Show am Laufen hält: Hinter der sichtbaren, öffentlichen Macht gibt es noch eine andere, obszöne, unsichtbare Machtstruktur. Dieser andere, verborgene Agent spielt die Rolle des ‘Anderen des Anderen’ im Sinne Lacans, die Rolle einer Meta-Garantie der Konsistenz des großen Anderen (der symbolischen Prdnung, die das gesellschaftliche Leben reguliert).”

—  Slavoj Žižek, Die Tücke des Subjekts, Suhrkamp, S. 502 - 503.

In dem Zusamenhang ist auf meine Einträge zum kapitalistischen Sinthome und über die Funktion von Wahngebilden beim Psychotiker zu verweisen.

Da die Referenz im Kapitalismus nicht als solche erkannt, weil in Form eines Abstraktums verborgen ist, verläuft die Suche nach der Stätte der Macht im Realen. Dies erklärt die Tendenz, diejenigen, die vermeitnlcih am stärksten am Kapitalismus profitieren mit letzterem zu identifizieren.

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Juli 29, 2014 at 4:05pm
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"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, auf das er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette der Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.”
— Walter Benjamin, IX. Reflexion, in: Über den Begriff der Geschichte.

"Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, auf das er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette der Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.”

— Walter Benjamin, IX. Reflexion, in: Über den Begriff der Geschichte.

walter benjamin angelus novus geschichtsphilosophie fortschritt katastrophe
3:49pm
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Es wäre zu überlegen, ob Marx gegen die Angst angeschrieben hat, daß diese Gesellschaft (der Kapitalismus) sich nicht als ein ‘beständig im Prozeß der Umwandlung begriffener Organismus’, sondern als ein ‘fester Kristall’ erweisen könnte. […]

— Heinz Dieter Kittsteiner, Benjamins Historismus, in: Norbert Bolz, Bernd Witte (Hg.), Passagen. Walter Benjamins Urgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts, Fink, 1984, S. 194, Anm. 96

geschichtsphilosophie karl marx walter benjamin
Juli 28, 2014 at 7:32pm
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Subjektive Selbstbezüglichkeit. Und: Macht an einem Ort, an dem wir nicht sind

Slavoj Žižek über das Bewusstsein als etwas Vermittelndes und das Ich als Selbstbezüglichkeit, als Einsprungspunkt —  mir ist aufgefallen, dass ich mir hier zum wiederholten Mal mit einer IT-Analogie behelfe; so sehe ich in der Freud’schen sprachlichen Fehlleistung eine Art buffer overflow — in diesem Prozess der Vermittlung:

"Das Bewusstsein entsteht als Resultat eines einzigartigen Kurzschlusses zwischen Gegenwart (Input) und Vergangenheit (Arbeitsgedächtnis): Hier wird […] durch das gegenwärtige Durcharbeiten rückwirkend die Bedeutung der vergangenen Gedächtnisspuren konstituiert, unsere gegenwärtige Erfahrung selbst durch Umweg über die Vergangenheit konstituiert. Diese Interaktion zwischen Gegenwart und Vergangenheit muss an einem Punkt der Selbstbezüglichkeit gelangen, an dem Vergangenheit und Gegenwart nicht mehr einfach nur interagieren, sich aufeinander beziehen, sondern sich tiefergehend wechselseitig durchdringen: Indem sich die gegenwärtige Erfahrung auf die Vergangenheit bezieht, bezieht sie sich auf sich selbst und wird, was sie ist.

Dies erklärt auch, warum es kein wirkliches Bewusstsein ohne Selbstbewusstsein geben kann. Nicht nur entwickelt sich das Ich als selbstbezügliche Interaktion der Gegenwart mit meiner eigenen Vergangenheit; was wir Selbst nennen, ist auch die Grundform des Entkommens […] mittels Selbstbezüglichkeit. Als solche liegt sie allen anderen Formen zugrunde: Die Selbstbezüglichkeit des Akteurs der Wahrnehmung/Bewusstheit erzeugt (eröffnet) sozusagen den Schauplatz, auf dem ein Bewusstseinsinhalt erscheinen kann, sie liefert die allgemeine Form dieses Inhalts, die Bühne, auf der die vorverarbeitende Vermittlungsarbeit in die unmittelbare, ‘rohe’ Gegenheit seines Produkts zerfallen kann.”

— Slavoj Žižek, Parallaxe, Suhrkamp, 2006, S. 174 - 176.

Damit streift er die für mich hochinteressante Thematik der creatio ex nihilo (von der sich mit etwas Mühe der Bogen zum komplexitätstheoretischen Ansatz in der Wissenschaftstheorie schlagen lässt).

Dieses Inkommensurable, diesen letzten Kern, der unsere Subjektivität ausmacht, veranschaulicht Žižek an anderer Stelle via Rekurs auf ein Lacan’sches Fallbeispiel:

"Erinnern wir uns an die Haltung eines typischen hysterischen Subjekts, das darüber klagt, wie es von anderen ausgebeutet, missbraucht, zum Opfer gemacht und auf ein Tauschobjekt reduziert wird — Lacans diesbezügliche Antwort besteht darin, dass diese subjektive Position des passiven Opfers der Umstände nie einfach von außen dem Subjekt auferlegt wird, sondern dass diese zuletzt immer minimal von ihm gebilligt wird."

— Slavoj Žižek, Das Unbehagen im Subjekt, Passen Verlag, 1998, S. 42.

Brückenschlag zu Bordieus Ansatz, das geschlechtliche Machtverhältnis als symbolische Herrschaft der Männer über die Frauen erklären zu wollen:

”[…] Das Fundament der symbolischen Gewalt liegt ja nicht in einem mystifizierten Bewußtsein, das es nur aufzuklären gälte, sondern in Dispositionen, die an die Herrschaftsstrukturen, ihr Produkt, angepaßt sind. Infolgedessen kann man eine Aufkündigung des Einverständnisses der Opfer der symbolischen Gewalt mit den Herrschenden allein von einer radikalen Umgestaltung der gesellschafltichen Produktionsbedingungen jener Dispositionen erwarten, die die Beherrschten dazu bringen, den Herrschenden und sich selbst gegenüber den Standpunkt der Herrschenden einzunehmen. Die symbolische Gewalt realisiert sich nur durch einen praktischen Akt des Erkennens und Verkennens, der sich diesseits von Bewußtsein und Willen vollzieht und der all den Bekundungen, Befehlen, Einflüsterungen, Verlockungen, Drohungen, Anordnungen oder Ermahnungen ihre ‘hypnotische Macht’ verleiht. Aber ein Herrschaftsverhältnis, das der Komplizenschaft der Dispositionen bedarf, hängt, was sein Fortbestehen oder seine Veränderung angeht, zutiefst vom Fortbestehen oder von der Veränderung der Strukturen ab, deren Produkt diese Dispositionen sind. (Und es hängt insbesondere von der Struktur des Marktes der wsymbolischen Güte rab, dessen fundamentales Gesetz es ist, daß die Frauen auf ihm als Objekte behandelt werden, die von unten nach oben zirkulieren.)”

— Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Suhrkamp, 2005, fünfte Auflage, S. 77 - 78.

Diesem Diesseits des Bewusstseins muss besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden: Es reicht nicht aus, dem Analysanden, dem Arbeiter oder der Frau (und auch Mann ) zu unterbreiten, was Sache ist, zumal darüber oft eh Kenntnis besteht. Da sich Ideologie im Unbewussten, dessen Verbindung zum Bewussten und damit Bewusstsein gekappt ist, absetzt und von dort aus fortlebt, stellt sich die Frage: wie zum Unbewussten der Gesellschaft vordringen? Denn dies ist überhaupt erst Voraussetzung für die Veränderung besagter gesellschaftlicher Strukturen, von der Bourdieu spricht.

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