Zitiertes

Beiträge zur Denunziation des falschen Ganzen

Žižeks Kritik an Adorno

Adorno behauptet, dass die Art von ontologisch-politischer Realität, welche die instrumentelle Vernunft der Menschheit vermacht habe, so total und geschlossen sei, dass es nicht länger möglich sei, sich politische Alternativen zur bestehenden sozioökonomische und politischen Organisation auch nur vorzustellen. Die einzige “Alternative”, die Adorno zu denken gibt, ist folglich entweder Kapitatulation vor einer gleichsam totalitären verwalteten Gesellschaft, die weniger dem irren kapitgalistischen Tanz als vielmehr einem Willen zur instrumentellen Vernunft folgt, oder ein messianisches Licht, das auf exzeptionelle Weise erst am Tag des Jüngsten Gerichts in die zeitgenössische Gesellschaft eindringen werde, und dem in der Zwischenzeit einzig vermittels Demokratisierung entgegen zu arbeiten sei. Damit wird aber stillschweigend hingenommen, dass der Kapitalismus unüberwindbar sei, dass dieser den Raum für alle nicht-demokratischen politischen Kämpfe ein für allemal blockiert habe und dass jeder Versuch, doch eine eine radikale Kritik der politische Ökonomie durchzuführen, entweder als sinnlos oder als gefährlich nahe am Gespenst des Totalitarismus dargestellt wird. Dies legt jedoch nahe, dass “Totalitarismus” bei Adorno als ein ideologischer Begriff fungiert, der im Voraus jedwede Untersuchung ablehnt, die zeigen könnte, auf welche Weise die liberaldemokratische Ordnung gerade an denjenigen Phänomenen teilhat, die sie offiziell verurteil:

"In dem Augenblick, in dem man nur das kleinste Zeichen dafür zeigt, dass man sich in politischen Projekte engagiert, welche die bestehende Ordnung veränder wollen, erhält man sofort die folgende Antwort: ‘So wohlmeinend diese Absicht auch sein mag, sie wird zwangsläufig mit einem neuen Gulag enden!’ Die ‘Rückkehr zur Ethik’ in der heutigen politischen Philosophie beutet auf schamlose Weise die Schrecken des Gulags oder des Holocausts als das Schreckgespenst dafür aus, uns dazu zu erpressen, dass wir allem enrsthaften radikalen Engagement entsagen. Auf diese Weise können die konformistischen liberalen Schurken eine heuchlerische Befriedigung in ihrer Verteidigung der bestehenden Ordnung finden: Sie wissen, dass es Korruption, Ausbeutung und so weiter gibt, aber jeder Versuch, diese Zustände zu verändern, wird als ethisch gefährlich und inakzeptable denunziert, da dieser nur die Gespenster des Gulags oder des Holocausts wachrufe." (Žižek 2000a: 127).

— “Slavoj Žižek und die Gegenwartsphilosophie. Giorgio Agamben, Gianni Vattimo, Daniel Dennett, Alain Badiou, Frantz Fanon, Jacques Rancière”, Erik M. Vogt, Turia+Kant, 2011, S.50-51.

OPIATE. “Umfangensein”, “Nachbild der Geborgenheit in der Mutter”.

“Hinterfragt wird nicht die vorherrschende Deutung eines bestimmten Sachproblems, die öffentliche Ignoranz gegenüber abweichenden Meinungen oder die nur selektive Wahrnehmung einer zur Entscheidung anstehenden Materie, sonder vielmehr das soziale wie kulturelle Bedingungsgeflecht, unter der alle diese Willensbildungsprozesse überhaupt zustande gekommen sind. […] Nicht einzelne Vorkommnisse, nicht partikulare Fehlentscheidungen oder relative Ungerechtigkeiten, sondern die Struktureigenschaften der Verfassung einer sozialen Sphäre im ganzen sind es, die […] kritisiert werden. Was die Gesellschaftskritik antreibt, ist der Eindruck, daß die institutionellen Mechanismen und Bedürfnisinterpretationen selber äußerst fragwürdig sind, die der öffentlichen Willensbildung als quasi-natürliche Bedingungen zugrunde liegen. […]
Im Unterschied zur Intervention des Intellektuellen ist sie [die Gesellschaftskritik] nämlich darauf angewiesen, von einer Theorie Gebrauch zu machen, die in der einen oder anderen Weise explanatorischen Charakter besitzt. […]
Um begründen zu können, warum die eingespielten Praktiken und Überzeugungen insgesamt fragwürdig sein sollen, muß sie nämlich eine theoretische Erklärung anbieten, durch die die Herausbildung jenes Dispositivs als die ungewollte Konsequenz einer Verkettung von jeweils intendierten Umständen oder handlungen verständlich wird. […] Mit ihrer Hilfe soll gezeigt werden, daß wir die institutionelle Totalität oder die Lebensform, die wir tagtäglich praktizieren, schon deshalb nicht gutheißen können, weil sie daß bloße kausale Ergebnis eines in seinen einzelnen Bestandteilen durchaus verstehbaren Entwicklungsprozesses ist. […] Sie müssen [die Theorien] bei allen methodischen Unterschieden eine Erklärung für die Mechanismen bereitstellen, durch die es historisch oder sozial möglich gewesen sein soll, daß sich in unseren insitutionellen Handlungspraktiken ein Praxismuster, ein Bedürfnisschema oder ein Einstellungssysndorm hat durchsetzen können, das zu unseren tieferliegenden Wünschen und Absichten im Widerspruch steht. […]
Nicht aber wäre Gesellschaftskritik abträglicher, als ihre Bloßstellung fragwürdiger Sozialpraktiken von der Aussicht auf politische Umsetzbarkeit abhängig zu machen. Worauf sie zielt ist nicht der schnelle Erfolg im demokratischen Meinungsaustausch, sondern die Fernwirkung eines allmählich wachsenden Zweifels, ob die gegebenen Praxismuster oder Bedürfnisschemata tatsächich die (für uns) angemessenen sind; nicht argumentative Überzeugung im Augenblick, sondern begründete Umorientierung im zukünftigen Prozeß ist die Münze, in der sich die Gesellschaftskritik auszahlt. […] Was die Gesellschaftskritik an Disposition erfordert, ist daher der hypertrophe, ja idiosynkratische Blick desjenigen, der im liebgewordenen Alltag der insitituionellen Ordnung den Abgrund einer verfehlten Sozialität, im routinierten Meinungsdisput die Umrisse einer kollektiven Täuschung zu erkennen vermag. […] [Ihre] Aufgabe ist es, den Abstand zu erklären, der zwischen der wahrgenommenen Realität und dem öffentlichen Selbstverständnis sozialer Praktiken besteht. […]
Im Vergleich mit dem Produktionsfluß des normalisierten Intellektuellen benötigen die rare Erzeugnisse der Gesellschaftskritik einen langen Zeitraum, bevor sie ihre Wirkung in Form der Veränderung von sozialen Wahrnehmungen entfalten können; aber derorientierungswandel, den sie subkutan befördern, ist von ungleich größerer Persistenz und Nachhaltigkeit, als es intellektuelle Stellungnahmen heute je bewirken können.”

—   Axel Honneth, Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Suhrkamp, 2007, “Idiosynkraise als Erkenntnismittel. Gesellschaftskritik im Zeitalter des normalisierten Intellektuellen”, S. 226-234.

“Gerade dort, wo der ‘Muselmann’ nichts Menschliches mehr hat und nicht einmal mehr Mitleid erzeugt, sieht Agamben in ihm eine nahezu prophetische Figur, die ebenso wie Paulus in seinem Begriff von einer Ex-istenz in Jesus Christus die Grenzen unserer Begriffe vom Mensch-Sein in Frage stellt. ‘Rest’ ist hier ein theologisch-messianischer Begriff. ‘Rest’ ist nicht einfach ein numerischer Anteil Israels, der gerettet wird. […]
So wie der ‘Muselmann’ einen nahezu messianischen ‘Rest’-Bestand des Menschsein aufscheinen lässt, wo ihm alles Human-Humanistische geraubt ist, und wo der Humanismus gerade nicht mehr dem ‘Muselmann’ Attribute des Menschseins zusprechen kann, denkt nach Agambens Interpretation Paulus im Römerbrief das messiansiche Geschehen ‘als eine Reihe von Zäsuren, die das Volk Israel und zugleich die Heiden teilen und sie bei jedem Schnitt jeweils an die Position eines Rests setzen.’ Ein Leben in Christus Jesus als ein Leben im Messias und in der messianischen Zeit ist - so könnte man sagen - ein Leben in einer ganz neuen Schöpfung jenseits des Bannes bzw. in einem ganz neuen Verständnis von Schöpfung jenseits des Identitäts-Denkens. Im Begriff des ‘messianischen Restes’ fällt somit die von Agamben interpretierte Aporie des Zeugnisses zusammen mit der messianischen Aporie einer identitaäslosen Identität.
[…]
Man mag die Rede vom ‘Rest’ daher als das Bemühen um einen Grenzbegriff verstehen, mit dem Agamben sowohl Humanismus als auch existenzialistische Phänomenologie (Heidegger, Jaspers) hinter sich lassen möchte. Somit ist das Menschliche, das am Grunde der absoluten Depravierung aufscheint, ein widerständiger Rest, der fast erlösende Züge bei Agamben hat, gerade weil dieser Rest sich allen Festschreibungen und Identitäten entzieht.”

—   Dominik Finkelde, Politische Eschataologie nach Paulus. Badiou - Agamben - Žižek - Santner, Turia + Kant, 2009, 60-61.

“Der ‘Muselmann’ ist für Agamben eine Schlüsselfigur der Zeugenschaft gerade, weil er nahezu einziger Zeuge des Todeslagers, nicht mehr Zeugnis ablegen kann; er ist Zeuge des Unzeugbaren. Levis Verweis auf den Gorgonen-Mythos ist dabei eine allegorische Umschreibung, die die ‘Nicht-Lebendigkeit’ auf den Punkt bringen soll, die Levi am ‘Muselmann’ diagnostiziert. Das Gesicht des ‘Muselmanns’ ist Ausdruck einer Leere, die erschreckt. Der ‘Muselmann’ scheint ins Angesicht der Gorgone geschaut und seine Menschlichkeit dabei verloren zu haben. Selbst bei anderen Lagerinsassen provoziert er statt Mitleid und Zuneigung vielmehr Entfremdung und Schrecken. Agamben geht sogar soweit zu behaupten, dass in der Gesichtslosigkeit des ‘Muselmanns’ das Wesen des Konzentrationslagers selbst verborgen liegt.”

—   Dominik Finkelde, Politische Eschataologie nach Paulus. Badiou - Agamben - Žižek - Santner, Turia + Kant, 2009, 58-59.

“In short, although the falling tendency of the rate of profit is ‘constantly… overcome,’ the tendency is not nullified. It makes its presence felt, since it is only ‘overcome by way of crises.’ Recurrent economic crises, not a declining rate of profit over the long term, are what Marx’s theory actually predicts. Researchers who wish to test his theory empirically should therefore focus their attention, not on the observed trend of the profit rate, but on ascertaining whether, and to what degree, the recurrent crises of capitalism are traceable to recurrent declines in capital values, and a tendency for prices to fall, as a result of increasing productivity.”

—   Andrew Kliman, Reclaiming Marx’s “Capital”. A Refutation of the Myth of Inconsistency, Lexington Books, 2007, S. 31.
Glück.
Leben im Rausch.

“Die Theorie ist mehr als ein Modell oder eine Hypothese, die sich anhand von Experimenten verifizieren oder falsifizieren ließe. Starke Theorien wie etwa Platons Ideenlehre oder Hegels Phänomenologie des Geistes sind keine Modelle, die sich durch Analysen von Daten ersetzen ließen. Ihnen liegt ein Denken im emphatischen Sinne zugrunde. Die Theorie stellt eine wesentliche Entscheidung dar, die die Welt ganz anders, in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Sie ist eine primäre, primordale Dezision, die darüber entscheidet, was dazugehört und was nicht, was ist oder zu sein hat und was nicht. Als hochselektive Narration schlägt sie eine Schneise der Unterscheidung durch das noch ‘Unbefangene’.”

—   Agonie des Eros, Byung-Chul Han, Matthes & Seitz Berlin, 2012; S. 62.

“Der Neoliberalismus mit seinen enthemmten Ich- und Leistungsprinzipien ist eine gesellschaftliche Ordnung, aus der der Eros ganz verschwunden ist. Die Positivgesellschaft, aus der die Negativität des Todes gewichen ist, ist eine Gesellschaft des bloßen Lebens, die einzig von der Sorge beherrscht ist, ‘das Überleben in der Diskontinuität zu sichern’. Es ist das Leben eines Knechtes. Diese Sorge um das bloße Leben, um das Überleben, nimmt dem Leben jede Lebendigkeit, die ein sehr komplexe Phänomen darstellt. Das nur Positive ist leblos. Die Negativität ist wesentlich für die Lebendigkeit: ‘Etwas ist also lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten.’ So unterscheidet sich die Lebendigkeit von der Vitalität oder Fitness des bloßen Lebens, der jede Negativität fehlt. Der Überlebende gleicht dem Untoten, der zu tot ist, um zu leben und zu lebendig, um zu sterben.”

—   Agonie des Eros, Byung-Chul Han, Matthes & Seitz Berlin, 2012; S. 37.