Zitiertes

Gedankliche Notizen zur Schrift gebracht

Juli 26, 2014 at 5:01pm
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Das Genießen ist nichts, was sich erreichen ließe: Es erreicht sich selbst und verzehrt sich, sobald es sich erreicht, es verbrennt seinen eigenen Sinn, das heißt es lässt ihn aufleuchten, indem es ihn verglüht

— Jean-Luc Nancy, Es gibt — Geschlechtsverkehr, diaphanes, 2012, S. 56.

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4:53pm
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Die Geschlechtlichkeit ist nicht nur ihre eigene Differenz, sondern sie ist, ein jedes Mal, der wahrhaft unendliche Prozess ihrer eigenen Differenzierungen: Ich bin jedes Mal ein gewisser Grad der Komposition und der Differenzierung zwischen ‘Mann’ und ‘Frau’, zwischen ‘homosexuellem Mann’ und ‘heterosexuellem Mann’, zwischen ‘homosexueller Frau’ und ‘heterosexueller Frau’, je nach den verschiedenen Kombinationen, die sich einander öffnen und schließen, die sich durchdringen oder die einander berühren. Diese unendliche Kombinatorik — denn keines der Elemente ist einfach gegeben, weder terminus a quo noch terminus ad quem — ist nichts anderes als das, was man den Geschlechtsverkehr nennt.

— Jean-Luc Nancy, Es gibt — Geschlechtsverkehr, diaphanes, 2012, S. 27 - 28.

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4:18pm
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—  ”Quiet Curves” von Hiroshi Okubo und Asuka Sakai vom Namco Sound Team, “R4 / Ridge Racer Type 4 / Direct Audio”, Media Factory (Tokio, Japan), 1999.

Soundtrack meiner Kindheit und hervorragendes Beispiel für die japanische Videospielästhetik der späten 90er-Jahre und dem damaligen Versuch der Inkorporation urbaner Elemente — Acid Jazz, Rap, House, DnB —, wie man es beispielsweise auch bei Street Fighter III 3rd Strike findet.

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Juli 25, 2014 at 1:49pm
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Nur durch eine Somatisierung der gesellschafltichen Herrschaftsverhältnisse nimmt der willkürliche nomos, der die beiden Klassen zu etwas Objektivem macht, die Gestalt eines Naturgesetzes an […]. Nur um den Preis und als Resultat einer ungeheuren kollektiven Sozialisationsarbeit verkörpern sich die unterschiedlichen Identitäten, welche das kulturell Willkürliche setzt, in Habitus, die gemäß dem herrschenden Einteilungsprinzip klar unterschieden und imstande sind, die Welt in Übereinstimmung mit diesem Prinzip wahrzunehmen.

— Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Suhrkamp, 2005, fünfte Auflage, S. 46.

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Juli 24, 2014 at 5:42pm
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Depersonalisationserfahrungen beim Psychotiker

Bruce Fink identifiziert die fehlende Verknüpfung der drei Register in der Lacan’schen Topologie der Psyche als Konstitutionsmerkmal des psychotischen Subjekts:

"Diese fehlende Verbindung vom imaginären zum symbolischen und realen Register ist nach Lacan ein Rezept für Psychosen und führt in vielen Fällen unter anderem zu Depersonalisierungen oder Erfahrungen der Abspaltung vom eigenen Körper (diese sollten jedoch nicht als alleinige Merkmale der Psychose angesehen werden, da sie auch in der Neurose vorkommen)."

— Bruce Fink, Grundlagen der psychoanalytischen Technik. Eine Lacanianische Annäherung für klinische Berufe, Turia + Kant, 2013, S. 370.

In einer Fußzeile wird auf ein Beispiel für abspaltendes Verhalten vewiesen:

"Deffieux […] hat in einem Fall über einen Patienten berichtet, der ihm erzählt hatte, dass er im Alter von acht Jahren im Wald von einem Fremden attackiert wurde, der ihn brutal zusammengeschlug und ein Messer hervorholte mit der offensichtlichen Absicht, seinen Penis abzuschneiden. Der Patient sagte danach zu Deffieux: ‘Ich habe keine Ahnung, ob es weh getan hat.’ Als Deffieux ihn später bat möglichst viele Details zu erzählen, an die er sich in Bezug auf diese Szene erinnern konnte, sagte er, dass er sich daran erinnerte, dass er seinen Körper verlassen hatte, als der Mann anfing ihn zu schlagen, dass er sich davon distanziert hatte und verschwunden war: ‘Einen Moment sah ich den kleinen Jungen, das war ich, und genau dann bin ich geflohen’ — mental, nicht psychisch [….]. Die Tendenz sich in solchen Fällen zu distanzieren oder aus dem eigenen Körper zu fliehen wird normalerweise mit der Psychose in Verbindung gebracht […]."

— ebd., S. 371.

Man unterscheidet zwischen zeitlich begrenzten Entfremdungserfahrungen und einem Zustand chronischer Depersonalisierung. Wie ist letzterer einzuordnen? SInd hier Rückschlüsse auf die Konstitution des Subjekts als ein psychotisches möglich?

Im Forum von DP Self help berichtet der Großteil der Betroffenen darüber, dass ihre Depersonalisation in Folge einer Panikattacke im Rahmen von Cannabisgebrauch ausgelöst wurde und seitdem chronisch ist (Hier bleibt abzuklären, inwiefern Auslöser und Verlauf zusammenhängen). Gleichzeitig wird darüber berichtet, dass die Intensität der Entfremdung gegenüber sich selbst und der Umwelt in Abhängigkeit des Angstpegels schwankt. Doch der grundlegende Schnitt von sich und der Welt ist ein dauerhafter, besteht also auch in Situationen der Entspannung; das Sinthome wurde gelockert. Im Recovery-Subforum berichten Betroffene von einer vermeintlichen Besserung ihres Zustands, doch mir scheint es, als hätten sie lediglich damit gelernt umzugehen — wie ich auch.

Die Depersonalisation ist gerade dann eine ungeheuer beängstigende Erfahrung, wenn einem ihre Funktion verschlossen bleibt. Man glaubt tatsächlich, sich aufzulösen. Gerade die Zeit nach dem Ausbruch ist durch eine extreme Haltlosigkeit und Angst geprägt, da das zuvor Bekannte plötzlich fremdartig und bedrohlich wirkt. Man glaubt verrückt zu werden, vertraut sich niemanden an. Dadurch steigt die Anspannung und damit auch die Intensität des Erlebten. Meiner Erfahurng lässt sich den Folgen der gekappten Registern entgegenwirken, indem man Situationen aufsucht, die einen in eine bestimmte Rolle schlüpfen lassen (Kumpel, Sohn, Student, Liebhaber, Arbeitskollege). Im Miteinander mit dem anderen wird Identität ermöglicht — Identität als Matrix, die zwischen verschiedenen Signifikanten aufgespannt ist.

Ich sehe Depersonalisation mittlerweile durch die Theorie und konnte sie dadurch für mich entschärfen. Der entfremdete Blick birgt auch Vorteile: Er erlaubt mir ein Mehr an Rationalität in Hinblick auf das Erkennen von bestimmten gesellschafltichen und ontologischen Strukturen, ich nehme das Sein entkleidet, gerüstartig war.

Die Chronifizierung der Depersonalisierung verweist für mich auf etwas, dass dem traumatischen Ereignis, durch das diese Abwehrreaktion erst in Gang gesetzt wurde, zugrunde liegt. Aus diesem Grund erscheint mir die Arbeit mit einem Analytiker als einzige Möglichkeit, wenn man darauf aus ist, die strukturelle Ursache der Depersonalisation zu identifizieren.

"Bei der Klärung der Ursachen im einzelnen Fall steht im Vordergrund die Frage, ob die Depersonalisationsstörung im Zusammenhang mit bzw. als Symptom einer anderen psychischen Störung auftritt […]. In einem solchen Fall wären zunächst die Ursachen für die Grundstörung zu untersuchen.

Wie bei anderen psychischen Störungen kann auch bei einer Depersonalisationsstörung meist kein einzelner auslösender Faktor als hinreichende Ursache benannt werden. Versteht man Depersonalisation als die Reaktion der Betroffenen auf zurückliegende oder aktuelle Lebenssituationen, so muss bei diesen Betroffenen zusätzlich eine besondere Prädisposition für bewusstseinsverändernde Störungen bestehen, um eine Depersonalisationsstörung zu entwickeln, da andere Menschen auf vergleichbare Lebenssituationen nicht mit Depersonalisation reagieren.

Als Auslöser einzelner Depersonalisationserlebnisse oder -phasen gelten extrem stressauslösende und lebensbedrohende Erlebnisse (wie z. B. ein Autounfall). Ferner kommen auch Substanzmissbrauch (z. B. Cannabis, Ecstasy, Alkohol), bestimmte Vergiftungen, emotionale Vernachlässigung, Adoleszenz, Prämenstruelles Syndrom sowie Schlafmangel in Betracht.”

— Wikipedia zu den Ursachen und Auslösern.

Meiner Meinung nach gilt es bei dem Punkt emotionale Vernachlässigung anzusetzen. Ich glaube, dass zwischen Depersonalisation und Bindungsverhalten ein Zusammenhang besteht, der entschlüsselt werden will.

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3:51pm
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— Noah Caine, “Rookie Season”, 07/2014; NYC, NY.

Ich finde das Cover ansprechend. Es schafft für mich den ästhetischen Grund (im Sinne von Grundierung einer Leinwand) und den Rahmen für die atmosphärische Fassung des Musikalischen. Es ist nie bloß Spiegelung von letzerem, sondern führt gewissermaßen ein Eigenleben; es färbt auf die Musik ab und übernimmt die Funktion, die Farbfilter und Vignettierung in der Filmproduktion innehaben.

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Juli 23, 2014 at 8:46pm
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Sinthome und Kapitalismus

Die Übertragung des Lacan’schen Konzepts der Sinthoms, einer Verknotung des realen, symbolischen und imaginären Registers, die den Kern des Subjekts bildet, auf die Ebene der Gesellschaft, bleibt nicht folgenlos für die Kapitalismuskritik. Dazu später mehr.

"Bei der Psychose muss man fast immer einen Knoten (zwischen den drei Dimensionen), der nicht mehr fest ist, wieder zuziehen, um dessen Auflösung zu verhindern oder man muss einen Knoten, der sich aufgelöst hat, erneut knüpfen, wie das bei der ausgelösten Psychose im Erwachsenenalter der Fall ist."

— Bernard Nominé, Le psychanalyst comme aide contre, in: La psychose oridnaire. La convention d’Antibes (S. 1958 - 218), Agalma-Seuil, S. 198.

In der Neurose fungiere die Vatermetapher als Knoten, während der Knoten in der Psychose auf eine andere Weise zusammengehalten werde, da das psychotische Subjekt den Ödipuskomplex in seiner Entwicklung nie durchlaufen habe, so Fink.

Mit Rekurs auf meinen Eintrag zu Pierre Legendre ließe sich die kapitalistische Gesellschaft als prä-psychotisch beschreiben: Ein Knoten aus wissenschaftlicher Weltsicht und ökonomischer Effizienz halte die säkularisierten kapitalistischen Gesellschaften des Westens zusammen, so Legendre und Žižek; ein plötzlicher Wegfall des kapitalisitschen Sinthoms hätte ungeahnte Folgen.

"In manchen Fällen — wenn die frühere Stabilität der Analysandin zum Beispiel von einer engen Beziehung mit einem Kind oder Lebenspartner, das oder der gestorben ist, herrührte — gibt es keinen Weg zurück, weswegen man etwas damit Verbundenes oder auch vollkommen Neues finden muss. In anderen Fällen kann es sein, dass die Rückkehr möglich ist, wenn erst einmal bestimmte Hindernisse aus dem Weg geräumt wurden. Und in wieder anderen Fällen ‘kann das analytische Band selbst für das Subjekt ein Sinthom darstellen, wenn der Analytiker sich darauf beschränkt, die neue Ordnung des Universums (das die Analysandin konstruiert hat) zu garantieren. Genau das erwartet sich das Subjekt: dass der Analytiker zum Zeugen wird, dass er diese Ordnung sicherstellt’ […]. Dies setzt, wie schon zuvor erwähnt, voraus, dass der Analytiker mit manchen psychotischen Analysanden ein Leben lang zu tun haben wird. In diesen Fällen gibt es einen strukturellen Grund, warum die Analyse unendlich ist."

— Bruce Fink, Grundlagen der psychoanalytischen Technik. Eine Lacanianische Annäherung für klinische Berufe, Turia + Kant, 2013, S. 372.

Gesellschaftliche Umwälzversuche — hierbei muss man sich darüber bewusst sein, wie fragil doch das ganze Gerüst ist, an dem man rüttelt. Das bekräftigt mich in meiner These umso mehr, dass die Abschaffung des Kapitalismus unbedingt an ein Positivum gebunden sein müsse, es vorrangig einer Inszenierung eines neues Bildes bedürfe, da sonst die Gefahr einer Psychose drohe.

Bezugnehmend darauf, dass das analytische Band selbst zum Sinthom werden könne, erscheint mir der Versuch, die grundsätzliche Unvollständigkeit des Subjekts, den grundsätzlichen Mangel, anzunehmen und auszuhalten, als ein Pfad, der noch nicht beschritten wurde.

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5:54pm
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Psychotiker und Wahnsysteme

Eine aufschlussreiche Darstellung zur Funktion des Wahns bei Psychotikern:

"Während wir bei der Neurose danach streben, das Selbstbild der Analysandin sowie ihre Welt unvollständig werden zu lassen —  beides wurde durch die strikte Trennung von selbst und anderem bei der Einsetzung des symbolischen Registers geleistet […] — , sollten wir bei der Psychose versuchen, ihr dabei zu helfen, dieses Selbstbild und ihre Welt zu vervollständigen, indem wir es irgendwie supplementieren."

— Bruce Fink, Grundlagen der psychoanalytischen Technik. Eine Lacanianische Annäherung für klinische Berufe, Turia + Kant, 2013, S. 358

"So vage oder verwirrend sie auch sein mag, die Neurotikerin kann immer eine kleine Geschichte darüber erzählen, warum ihre Eltern sie haben wollten oder warum sie sie am Anfang nicht haben wollten, dann aber lieben gelernt haben. Diese kleine Geschichte sagt etwas darüber aus, welcher Platz sie im Begehren der Eltern besetzt und dieser Raum innerhalb des Begehrens, so klein er auch sein mag, ist ihre Stütze im Leben. Auf unterester Ebene gibt sie Auskunft darüber, warum und wozu sie auf der Welt ist. In diesem Sinne dient die Geschichte einem Erklärungsprinzip. […]

Die Psychotikerin hat kein solches konsistentes Erklärungsprinzip und nichts, das sie in der Welt verankern würde. Immer und immer wieder erzählen Psychotikerinnen davon, wie sie nie von einem oder beiden Elternteilen behandelt wurden, als ob sie Menschen wären, die ein Existenzrecht hätten […].”

— ebd., S. 358ff.

Mir scheint es in dem Zusammenhang so, als trugen Menschen mit desorogansiertem Bindungsstil eine besondere Vulnerabilität in Hinblick darauf, psychotisch zu werden.

"Ohne ein solches Erklärungsprinzip gehen manche Psychotikerinnen unter, da sie keinen Halt finden; andere haben das Glück, ein Projekt zu finden, das ihrem Leben Bedeutung gibt; wieder andere entwickeln Wahnsysteme, die, wenn man zulässt, dass sie sich vollständig ausbilden, dem Subjekt einen besonderen Platz in der Welt bieten. […]

Der Wahn der Psychotikerin dient dazu, den Mangel eines Erklärungsprinzips auszugleichen; er supplementiert diesen Mangel. […]

Die wahnhafte Kosmologie der Psychotikerin dient dazu zu erklären, warum und wozu sie geboren wurde und was ihre Aufgabe im Leben ist.”

— ebd., S. 358ff.

Im weiteren Verlauf des Kapitels wird sich dafür eingesetzt, als Analytiker innerhalb des Wahnsystems zu arbeiten, statt es mit seiner Halt gebenden Funktion für das psychotische Subjekt radikal zu unterminieren. Fink empfielt die punktuelle Entschärfung paranoider Überzeugungen, indem dem Psychotiker andere Interpretationen unterbreitet werden. Die Behandlung von Psychotikern sollte neben der Supplementierung zum Ziel haben, den Anderen nicht zum verfolgenden Anderen werden zu lassen:

"Außerdem muss der Analytiker versuchen, jene Projektionen aufseiten der Analysandin zu zerstreuen, die den Menschen in ihrer Umgebung böswillige Intentionen zuschreiben […]. Sollte die Analysandin zum Beispiel das Gefühl bekommen, dass ihre Freunde sie mit wiederholten Telefonanrufen verfolgen, wenn sie sich einmal ein paar Tage nicht gemeldet hat und wenn sie anfängt, Menschen Böswilligkeiten zu unterstellen, die der Meinung der Analysandin nach bisher ihre Hauptstütze im Leben waren, dann könnte der Analytiker vielleicht […] vorschlagen, dass sie sich einfach zu sehr um sie sorgen, weil sie länger nichts von ihr gehört haben. Er könnte also versuchen, die paranoide Bedeutung, welche die Analysandin dem Verhalten ihrer Freunde zugeschrieben hat, aus dem Weg zu räumen und die Situation zu entspannen und zu deeskalieren."

— ebd., S. 362.

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Juli 22, 2014 at 7:32pm
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Dezisionismus und Universalismus

Aufbauend auf der Willkür in der Klassifizierung männlicher und weiblicher Attribute, wie es in meinem letzten Beitrag dargestellt wurde, wäre es interessant zu untersuchen, wo sich dieses darin offenbarende Dezisionistische im gesellschaftlichen Kontext noch zeigt und inwiefern es Relevanz für die Begründung universalistischer Standpunkte hat.

So stellt Alain Badiou am Beispiels des Apostel Paulus den christlichen Universalismus ausgehend von seinem Messias-Ereignis als subjektive Erfahrung dar, dem gegenüber sich jener zu einer besonderen Treue verpflichtet hat:

"Das, was wahr ist […], lässt sich auf keine objektive Menge zurückführen, weder nach seiner Ursache noch nach seiner Bestimmung. […] worauf es ankommt, ist die subjektive Geste in ihrer gründenden Macht […]."

— Alain Badiou, Paulus. Die Begründung des Universalismus. Diaphanes, 2002, S. 13f.

"Alles wird [bei] Paulus auf einen einzigen Punkt zurückgeführt: Jesus, […] Sohn Gottes […] ist am Kreuz gestorben und auferstanden. Das andere, alles andere, ist ohne reale Wichtigkeit. Ja man kann sogar sagen, dass dieser Rest (was Jesus gesagt und getan hat) nicht das Reale der Überzeugung ist, sondern sie behindert, ja verfälscht.”

— ebd., S. 64f.

"Das Messias-Ereignis wird somit zu einem durchschlagenden Moment einer neuen Wahrheit, die zur Zeit von Paulus — d.h. in der politischen Situation seiner Zeit — weder vom griechisch-römischen Diskurs der Philosophie, noch vom religiösen Diskurs des Judentums vor dem Moment der Ereignung hätte begriffen werden können. Mit dem Messias-Ereignis macht sich daher etwas Platz, was aus der Geste des Platzmachens selbst und nicht aus der bestehenden soziokulturellen Episteme entsteht. Die Konversion von Paulus markiert in ihrer Plötzlichkeit diese Radikalität der Unvereinbarkeit seiner beiden Identitäten als Saulus und Paulus. Paulus, der sich in seinen Briefen als Apostel Jesu an die frühchristlichen Gemeinden wendet, hat nichts mehr gemein mit dem ehemaligen Pharisäer aus dem Stamme Benjamin. Der für Badiou zentrale Aspekt ist dabei die radikale Ich-Bezogenheit des Wahrheitsereignisses, die im Zentrum der Messias-Begegnung bei Paulus steht.”

— Dominik Finkelde, Politische Eschatologie nach Paulus. Badiou - Agamben - Žižek - Santner, Turia + Kant, 2009, S. 28 - 29.

Es gilt für mich selbst zu klären, inwiefern obiger Ansatz im Rahmen linker Revolutionstheorien aufgegriffen wird. Ich glaube mich dunkel daran erinnern zu können, bei Walter Benjamin sowie Carl Schmitt ähnliches gelesen zu haben. Soweit ich weiß, standen beide miteinander in Briefkontakt.

alain badiou paulus dezisionismus universalismus ereignis christentum jesus messias
5:18pm
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Ursprünge des Patriarchats #1

Pierre Bordieu stellt anhand seiner Studien zu den Kabylen fest, dass das asynchrone Machtverhätlnis zwischen den Geschlechtern seine Fundierung möglicherweise in der Einbettung von männlich und weiblich in ein System homologer Gegensätze habe, welches gleichzeitig durch das Männliche dominiert sei:

"Durch die Assoziation der phallischen Erektion mit der vitalen, dem ganzen Prozeß der natürlichen Fortpflanzung immanenten Dynamik des Anschwellens (Keimung, Schwangerschaft usf.) registriert und ratifiziert die gesellschaftliche Konstruktion der Sexualorgane symbolisch bestimmte unbestreitbare natürliche Eigenschaften. Zusammen mit anderen Mechanismen, deren wichtigster ohne Zweifel, wie wir gesehen haben, das Einfügen jeder Relation (voll/leer z.B.) in ein System homologer und untereinander verbundener Relationen ist, trägt sie so dazu bei, das Willkürliche des sozialen nomos in eine Notwendigkeit der Natur (physis) zu verwandeln. (Diese Logik der symbolischen Sanktionierung objektiver, insbesondere kosmischer und biologischer Prozesse ist in dem ganzen mythisch-rituellen System am Werk. So etwa dann, wenn das Keimen des Korns zur Auferstehung wird, ein Ereignis, das der durch die Wiederkehr des Vornamens beglaubigten Wiedergeburt des Großvaters im Enkel homolog ist. Und es ist diese Logik, die dem System und damit dem durch seine Einhelligkeit noch verstärkten Glauben, dessen Gegenstand es ist, ein gleichsam objektives Fundament verleiht.)”

— Pierre Bourdieu, Die männliche Herrschaft, Suhrkamp, 2005, fünfte Auflage, S. 27.

Pierre Bourdieu kabylen männlichkeit weiblichkeit gender studies patriarchat