Zitiertes

Beiträge zur Denunziation des falschen Ganzen

In short, although the falling tendency of the rate of profit is ‘constantly… overcome,’ the tendency is not nullified. It makes its presence felt, since it is only ‘overcome by way of crises.’ Recurrent economic crises, not a declining rate of profit over the long term, are what Marx’s theory actually predicts. Researchers who wish to test his theory empirically should therefore focus their attention, not on the observed trend of the profit rate, but on ascertaining whether, and to what degree, the recurrent crises of capitalism are traceable to recurrent declines in capital values, and a tendency for prices to fall, as a result of increasing productivity.

Andrew Kliman, Reclaiming Marx’s “Capital”. A Refutation of the Myth of Inconsistency, Lexington Books, 2007, S. 31.

Glück.

Glück.

Leben im Rausch.

Leben im Rausch.

Die Theorie ist mehr als ein Modell oder eine Hypothese, die sich anhand von Experimenten verifizieren oder falsifizieren ließe. Starke Theorien wie etwa Platons Ideenlehre oder Hegels Phänomenologie des Geistes sind keine Modelle, die sich durch Analysen von Daten ersetzen ließen. Ihnen liegt ein Denken im emphatischen Sinne zugrunde. Die Theorie stellt eine wesentliche Entscheidung dar, die die Welt ganz anders, in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Sie ist eine primäre, primordale Dezision, die darüber entscheidet, was dazugehört und was nicht, was ist oder zu sein hat und was nicht. Als hochselektive Narration schlägt sie eine Schneise der Unterscheidung durch das noch ‘Unbefangene’.

Agonie des Eros, Byung-Chul Han, Matthes & Seitz Berlin, 2012; S. 62.

Der Neoliberalismus mit seinen enthemmten Ich- und Leistungsprinzipien ist eine gesellschaftliche Ordnung, aus der der Eros ganz verschwunden ist. Die Positivgesellschaft, aus der die Negativität des Todes gewichen ist, ist eine Gesellschaft des bloßen Lebens, die einzig von der Sorge beherrscht ist, ‘das Überleben in der Diskontinuität zu sichern’. Es ist das Leben eines Knechtes. Diese Sorge um das bloße Leben, um das Überleben, nimmt dem Leben jede Lebendigkeit, die ein sehr komplexe Phänomen darstellt. Das nur Positive ist leblos. Die Negativität ist wesentlich für die Lebendigkeit: ‘Etwas ist also lebendig, nur insofern es den Widerspruch in sich enthält, und zwar diese Kraft ist, den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten.’ So unterscheidet sich die Lebendigkeit von der Vitalität oder Fitness des bloßen Lebens, der jede Negativität fehlt. Der Überlebende gleicht dem Untoten, der zu tot ist, um zu leben und zu lebendig, um zu sterben.

Agonie des Eros, Byung-Chul Han, Matthes & Seitz Berlin, 2012; S. 37.

Der Kapitalismus verabsolutiert das bloße Leben. Das gute Leben ist nicht sein Telos. Sein Akkumulations- und Wachstumszwang wendet sich gerade gegen den Tod, der ihm als absoluter Verlust erscheint. Für Aristoteles ist der reine Kapitalerwerb deshalb verwerflich, weil er sich nicht um das gute Leben, sondern nur um das bloße Leben kümmert: ‘Demnach scheint gewissen Leuten dies die Aufgabe der Hausverwaltung zu sein, und sie verfechten fortgesetzt die Ansicht, man müsse entweder das Geldvermögen hüten oder es ins Unbegrenzte vermehren. Grund für diese Gesinnung ist die emsige Bemühung um das Leben, doch nicht um das gute Leben.’ Der Kapital- und Produktionsprozess beschleunigt sich dadurch ins Unendliche, dass er sich der Teleologie des guten Lebens entledigt. Die Bewegung beschleunigt sich ins Extreme, indem sie sich ihrer Richtung entledigt. Der Kapitalismus wird dadurch obszön.

Agonie des Eros, Byung-Chul Han, Matthes & Seitz Berlin, 2012; S. 31.

Das Christentum aber wollte geistlich bleiben, auch wo es nach der Herrschaft trachtete. Es hat die Selbsterhaltung durchs letzte Opfer, das des Gottesmenschen, in der Ideologie gebrochen, eben damit aber das entwertete Dasein der Profanität überantwortet: das mosaische Gesetz wird abgeschafft, aber dem Kaiser wie dem Gott je das Seine gegeben. Die weltliche Obrigkeit wird bestätigt oder usurpiert, das Christliche als das konzessionierte Heilsressort betrieben. Die Überwindung der Selbsterhaltung durch die Nachahmung Christi wird verordnet. So wird die aufopfernde Liebe der Naivität entkleidet, von der natürlichen getrennt und als Verdienst gebucht. Die durchs Heilswissen vermittelte soll dabei doch die unmittelbare sein; Natur und Übernatur seien in ihr versöhnt. Darin liegt ihre Unwahrheit: in der trügerisch affirmativen Sinngebung des Selbstvergessens.

Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Max Horkheimer / Theodor W. Adorno, Fischer Taschenbuch Verlag, 19. Auflage, 2010; S. 187.

Das allgemeine Elend der kapitalistischen Produktionsweise, das es einem zum bloßen Arbeitskraftbehälter degradierten Menschen sukzessive verunmöglicht, weiterzumachen wie bisher, ohne dabei ernsthaften psychischen und physischen Schaden in Kauf nehmen zu müssen, wird in ein persönliches, von jedem selbst zu lösendes Problem der richtigen Lebensführung umgedeutet. Das auf entsprechende Selbstoptimierung getrimmte bürgerliche Konkurrenzsubjekt – in diesem Fall glaubwürdig verkörpert durch Frau Doktor P. – entlässt niemanden aus dem selbst geschaffenen Hades und verfolgt als Wächter der Totenwelt Jene, die sich anschicken, aus diesem Feuerkreis der Selbstentfremdung zu entfliehen. Wenn es mir schlecht geht, soll es dir auch schlecht gehen, lautet das unausgesprochene Credo der “Leistungsträger”. Deren Widerpart, die Mitglieder der industriellen Reservearmee, die (Lohn-)Arbeitsscheuen, die bis zur Arbeitsunfähigkeit Beschädigten, diejenigen, die hartnäckig auf das beharren, was sie für eine “würdige Entlohnung für ehrliche Arbeit” halten, und all die Anderen, die aus mannigfaltigsten Gründen nur fressen und nichts zur alltäglichen Reproduktion und Produktion des materiellen gesellschaftlichen Reichtums beitragen, müssen mittels Drohungen, Erniedrigungen, einem Leben in materiellem Mangel und anderer Quälereien zu befolgen lernen: Findest du keinen Job, weil auf dem Arbeitsmarkt deine Arbeitskraft nicht benötigt wird, bist du selber schuld. Drücke erneut die Schulbank, bilde dich weiter, nimm ab, lebe gesund, sei immer freundlich, friß Dreck und nenne es ein Festmahl… Kurz: Recke, strecke, strebe und geissel dich, rede den Leuten nach dem Mund, tritt nach unten, buckel nach oben, räume die Konkurrenz aus dem Weg, schreibe Bewerbungen und ertrage jede Ablehnung,… aber denke bloß nicht darüber nach und thematisiere auf keinem Fall den Umstand, dass die eigene, ausschließlich an den Verwertungsbedürfnissen des Kapitals gemessene, objektive Überflüssigkeit, die sich tagtäglich schmerzhaft ins Bewusstsein drängt, etwas mit dem menschenfeindlichen Charakter der gesellschaftlichen Verhältnisse und der zugrunde liegenden kapitalistischen Produktionsweise zu tun hat. Schwindel nicht bloß, glaube an den Schwindel!

Das grosse Thier, Keiner kommt hier lebend raus, Schnittler, 13. Oktober 2012.

Der Freudsche Todestrieb hat nicht das geringste mit dem Verlangen nach Selbstvernichtung, nach einer Rückkehr zur anorganischen Abwesenheit jeglicher Lebensspannung zu tun; er ist vielmehr genau das Gegenteil des Sterbens – ein Name für das ‘untote’, ewige Leben selbst, für das schreckliche Schicksal, im endlosen Wiederholungskreislauf des Umherwandelns in Schuld und Schmerz gefangen zu sein. Das Paradox des Freudschen ‘Todestrieb’ ist folglich, daß Freud damit dessen genaues Gegenteil bezeichnet, nämlich die Art, wie die Unsterblichkeit innerhalb der Psychoanalyse erscheint, einen unheimlichen Exzeß des Lebens, einen ‘untoten’ Drang, der über den (biologischen) Kreislauf von Leben und Tod, von Entstehen und Vergehen hinaus persistiert. Die eigentliche Lehre der Psychoanalyse ist, daß das menschliche Leben nie einfach ‘nur Leben’ ist: Menschen sind nicht einfach lebendig, sie sind besessen von dem seltsamen Trieb, das Leben exzessiv zu genießen, und hängen leidenschaftlich an einem Überschuß, der hervorsticht und den normalen Gang der Dinge zum Scheitern bringt.

Parallaxe, Slavoj Žižek,  Frankfurt/M, 2006, S. 61 (via Ur-Theilung).

Man möge mich – wenn denn überhaupt – bitte nicht schon wieder falsch verstehen: ich behaupte weder, dass es keinen Geschmack gibt, noch, dass dem Gros der Menschheit die Fähigkeit inneläge, sich mal eben der Dreistigkeit, sich in Kategorien wie „mögen“ oder schmecken über geistige Gebilde auszulassen, zu entledigen – es ist nur eben Zeichen von brutalster Unbildung und enthemmtester Dummheit, DASS dies der Fall ist. Phrasen wie „Ich mag den Autor XY“ oder „Mein Musikgeschmack ist punklastig“ usw. sind die Bankrotterklärungen menschlichen Denkens und geistiger Anstrengung, das Niederknien des autonomen Subjekts gegenüber den Zumutungen von Naturbelassenheit und Bewusstlosigkeit – und somit eben im zur Zeit herrschenden Barbarensystem leider pure Notwendigkeit: die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft, die Ausnutzung seiner sozialen Sinne, die Ausschlachtung psychischer Kräfte und die Ausrottung jedweden Geistes zum Zwecke der Kapitalvermehrung hinterlässt zwangsläufig jene zu ästhetischen Urteilen unfähigen Zombies, die die bürgerliche Gesellschaft benötigt, um ihr Werk des Stumpfsinns fortzusetzen.

Geschmack versus Bildung, Lyzis‘ Welt, 30. Juli 2012.