Zitiertes

Beiträge zur Denunziation des falschen Ganzen

An denen, die das unverdiente Glück hatten, in ihrer geistigen Zusammensetzung nicht durchaus den geltenden Normen sich anzupassen […], ist es, mit moralischem Effort, stellvertretend gleichsam, auszusprechen, was die meisten, für welche sie es sagen, nicht zu sehen vermögen oder sich aus Realitätsgerechtigkeit zu sehen verbieten. Kriterium des Wahren ist nicht seine Kommunizierbarkeit an jedermann.

Negative Dialektik, Theodor W. Adorno, In: Gesammelte Schriften, Band 6, Suhrkamp Verlag, 1979, S. 51, Zitiert nach: Axel Honneth: Gerechtigkeit im Vollzug. Adornos Einleitung in die Negative Dialektik., In: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Axel Honneth, Suhrkamp Verlag, 2007, 3. Auflage, 239 Seiten; S. 107.

Womit Adorno nun aber weit über die Einsichten dieser Strömungen [Psychoanalyse, Nitzsches genealogische Vorgehenswiese; d.V.] hinausgeht, ist die parodox anmutende Behauptung, daß gerade aus der Dezentrierung des Subjekts dessen Aufwertung zum entscheidenden Medium objektiver Erkenntnis folgen muß: Die Empfindlichkeit des entmächtigten Subjekts ist, so lautet der Gedankengang, die epistemische Garantie dafür, daß die qualitativen Eigenschaften des Objekts zur Wahrnehmung gelangen. Adorno denkt sich diesen Zusammenhang, der den Kern seiner Ausführungen zur gewandelten Stellung des Subjekts ausmacht, offenbar folgendermaßen […]: Sobald das Subjekt eingesehen hat, daß es zur rationalen Durchdringung der Wirklichkeit nicht in der Lage ist, gewinnt es durch den Verlust seiner sinngebenden Souveränität zugleich eine neue „Unbefangenheit“ im Vertrauen auf seine eigenen Erfahrungen; denn es kann nun, dem Zwang zur Vereinheitlichung seines Wissens enthoben, offen und differenziert allen Empfindungsregungen nachgehen, die in ihm durch die letztlich unkontrollierbare Welt der Gegenstände und Ereignise ausgelöst werden; dieser Zuwachs an Differenziertheit und Sensibilität führt dazu, daß das Subjekt die Genauigkeit in der Registrierung seiner Wahrnehmungen entwickelt, die die Voraussetzung für eine Erfahrung des „nichtidentischen“, qualitativen Horizonts aller Objekte ist. Also folgt aus dem Souveränitätsverlust des Subjekts, der mit der Wendung zur negativen Dialektik, einhergeht, die Aufwertung seiner subjektiven Erfahrungen zu einem zentralen Erkenntnismedium.

Axel Honneth: Gerechtigkeit im Vollzug. Adornos Einleitung in die Negative Dialektik., In: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Axel Honneth, Suhrkamp Verlag, 2007, 3. Auflage, 239 Seiten; S. 105.

Es mag indes sein, daß Adorno an dieser Stelle seiner Deutung des Kapitalismus noch einen anderen Gedanken zum Tragen bringt, der überall dort aufscheint, wo er emphatisch von der Kindheit spricht. Adorno geht davon aus, so hatten wir gesehen, daß sich die menschliche Vernunft auf dem Weg einer kindlichen Nachahmung geliebter Personen bildet; erst der mimetische Nachvollzug der Perspektive des Anderen gibt dem Kleinkind die Chance, seine eigene Sichtweise soweit zu dezentrieren, daß es zu einer abgewogenen und damit rationalen Beurteilung von Sachverhalten vordringen kann. Von diesen frühkindlichen Erfahrungssituationen, in denen sich unser Denken durch Liebe bildet, scheint Adorno nun anzunehmen, daß sie als Instrumentalisierung unseres Geistes noch ein Fortbestehen haben; selbst der Erwachsene, der sich gänzlich konform zu den instrumentellen Zwängen der kapitalistischen Lebensform verhält, bewahrt eine schwache Erinnerung an die Herkunft seines Denkens aus frühen Momenten der Emphatie und Zuwendung. Ein derartiges Erfahrungsresiduum ist es, auf das Adorno an verschiedenen Stellen seine Zuversicht stützt, daß Subjekte trotz aller Verblendung weiterhin ein Interesse an der Befreiung ihrer Vernunft besitzen: Die Erinnerung an die Kindheit läßt inmitten aller instrumentellen Lebensvollzüge stets wieder den Wunsch wach werden, von den sozialen Beschränkungen befreit zu werden, die der Tätigkeit unseres Geistes auferlegt sind. Ist dies der bestimmende Gedanke, der sich hinter Adornos trotziger Zuversicht verbirgt, so wäre seine Physiognomie der kapitalistischen Lebensform in einem normativen Bilder der Kindheit verankert.

Axel Honneth: Gerechtigkeit im Vollzug. Adornos Einleitung in die Negative Dialektik., In: Pathologien der Vernunft. Geschichte und Gegenwart der Kritischen Theorie, Axel Honneth, Suhrkamp Verlag, 2007, 3. Auflage, 239 Seiten; S. 91-92.

- Monopolisierungstendenz im Kapitalismus #215

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stickyembraces:

Is Ayn Rand the worst Philosopher in history, or is she automatically excluded from consideration for that title, in the same way any Jason Friedberg and Aaron Seltzer movies are exempt from ‘worst movie ever’ lists?

stickyembraces:

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Gibt es einen Ausweg aus dem postmodernen Denken?
stickyembraces fand die geheime Antwort auf diese Frage auf einem antiken Schriftstück …

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F E U E R M E L D E R

Die Vorstellung vom Klassenkampf kann irreführen. Es handelt sich in ihm nicht um eine Kraftprobe, in der die Frage: wer siegt, wer unterliegt? entscheiden würde, nicht um ein Ringen, nach dessen Ausgang es dem Sieger gut, dem Unterlegenen aber schlecht gehen wird. So denken, heißt die Fakten romantisch vertuschen. Denn mag die Bourgeoisie im Kampfe siegen oder unterliegen, sie bleibt zum Untergang durch die inneren Widersprüche, die ihr im Laufe der Entwicklung tödlich werden, verurteilt. Die Frage ist nur, ob sie an sich selber oder durch das Proletariat zugrunde geht. Bestand oder das Ende einer dreitausendjährigen Kulturentwicklung werden durch die Antwort darauf entschieden. Geschichte weiß nichts von der schlechten Unendlichkeit im Bilde der beiden ewige ringenden Kämpfer. Nur in Terminen rechnet der wahre Politiker. Und ist die Abschaffung der Bourgeoisie nicht bis zu einem fast berechenbaren Augenblick der wirtschaftlichen und technischen Entwicklung vollzogen (Inflation und Gaskrieg signalisieren ihn), so ist alles verloren. Bevor der Funke an das Dynamit kommt, muss die brennende Zündschnur durchschnitten werden. Eingriff, Gefahr und Tempo des Politikers sind technisch - nicht ritterlich.

Walter Benjamin (1928): Einbahnstraße/Berliner Kindheit um Neunzehnhundert. Frankfurt am Main 2011, S. 49. (via walter-benjamin-bluemchen)

(via herrkeuner)

In Kantischen Zeiten hieß die erkenntnistheoretische Konstitutionsfrage die nach der Möglichkeit von Wissenschaft. Nun wird sie an die Wissenschaft in einfacher Tautologie zurückverwiesen. Einsichten und Verfahrungsarten, welche, anstatt innerhalb der geltenden Wissenschaft sich zu halten, diese selbst kritisch betreffen, werden a limine verscheucht.So hat der scheinbar neutrale Begriff „konventionalistischer Bindung“ fatale Implikationen. Durch die Hintertür der Konventionstheorie wird gesellschaftlicher Konformismus als Sinnkriterium der Sozialwissenschaften eingeschmuggelt; es lohnte die Mühe, die Verfilzung von Konformismus und Selbstinthronisierung der Wissenschaft im einzelnen zu analysieren. Auf den gesamten Komplex hat Horkheimer vor mehr als dreißig Jahren in dem Aufsatz ‚Der neuste Angrifff auf die Metaphysik‘ hingewiesen. Der Begrif von Wissenschaft wird auch von Popper, um seiner Gegebenheit willen, supponiert, als wäre er selbstverständlich. Er hat indessen seine historische Dialektik in sich. Als um die Wende des achtzenten Jahrhunderts zum neunzehnten die Fichtesche Wissenschaftslehre und die Hegelsche Wissenschaft der Logik geschrieben wurden, hätte man, was gegenwärtig mit Exklusivitätsanspruch den Wissenschaftsbegriff okkupiert, kritisch auf der Stufe der Vorwissenschaft angesiedelt, während nunmehr, was damals Wissenschaft, das wie immer auch schimärisch absolutes Wissen genannt ward, von dem von Popper so genannten Szientismus als außerwissenschaftlich verworfen würde. Der Gang der Geschichte, und nicht bloß der geistigen, der es dahin brachte, ist keineswegs, wie die Positivisten es möchten, eitel Fortschritt. Alles mathematische Raffinement der vorangetriebenen wissenschaftlichen Methodik zerstreut nicht den Verdacht, daß die Zurüstung der Wissenschaft zu einer Technik neben den anderen ihren eigenen Begriff unterhöhle. Das stärkste Argument dafür wäre, daß, was der szientivistischen Interpretation als Ziel erscheint, das fact finding, für emphatische Wissenschaft nur Mittel der Theorie ist; ohne sie unterbleibt, warum das Ganze veranstaltet wird. Allerdings beginnt die Umfunktionierung der Wissenschaftsidee schon bei den Idealisten, zumal bei Hegel, dessen absolutes Wissen mit dem entfalteten Begriff des so und nicht anders Seienden koinzidiert. Angriffspunkt der Kritik jener Entwicklung ist nicht die Auskristallisierung spezialwissenschaftlicher Methoden, deren Fruchtbarkeit außer Frage steht, sondern die vorwaltende, von Max Webers Autorität schroff urgierte Vorstellung, außerwissenschaftliche Interessen seien der Wissenschaft äußerlich, beides sei mit der Sonde zu scheiden. Während auf der einen Seite die vorgeblich rein wissenschaftlichen Interessen Kanalisierungen, vielfach Neutralisierungen außerwissenschaftlicher sind, die in ihrer entschärften Gestalt in die Wissenschaft hinein sich verlängern, ist das wissenschaftliche Instrumentarium, das den Kanon dessen liefert, was wissenschaftlich sei, auch auf eine Weise instrumentell, von der die instrumentelle Vernunft nichts sich träumen läßt: Mittel zur Beantwortung von Fragen, die ihren Ursprung jenseits der Wissenschaft haben und über sie hinaustreiben. Soweit die Zweck-Mittel-Rationalität der Wissenschaft das im Begriff der Instrumentalisierung gelegene Telos ignoriert und sich zum alleinigen Zweck wird, widerspricht sie ihrer eigenen Instrumentalität. Eben das verlangt die Gesellschaft der Wissenschaft ab. In einer bestimmten falschen, den Interessen ihrer Mitglieder wie des Ganzen widersprechenden partizipiert jede Erkenntnis, die sich den in Wissenschaft geronnenen Regeln dieser Gesellschaft willfähig ordnet, an ihrer Falschheit.

Theodor W. Adorno: Einleitung, In: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie, Theodor W. Adorno et al., Luchterhand, 1972, 347 Seiten; S. 25-26.

Die Religion beeinträchtigt dieses Spiel der Auswahl und Anpassung, indem sie ihren Weg zum Glückserwerb und Leidensschutz allen in gleicher Weise aufdrängt. Ihre Technik besteht darin, den Wert des Lebens herabzudrücken und das Bild der realen Welt wahnhaft zu entstellen, was die Einschüchterung der Intelligenz zur Voraussetzung hat. Um diesen Preis, durch gewaltsame Fixierung eines psychischen Infantilismus und Einbeziehung in einen Massenwahn gelingt es der Religion, vielen Menschen die individuelle Neurose zu ersparen. Aber kaum mehr; es gibt, wie wir gesagt haben, viele Wege, die zum Glück führen können, wie es dem Menschen erreichbar ist, keiner, der sicher dahin leitet. Auch die Religion kann ihr Versprechen nicht halten. Wenn der Gläubige sich endlich genötigt findet, von Gottes „unerforschlichem Ratschluß“ zu reden, so gesteht er damit ein, daß ihm als letzte Trostmöglichkeit und Lustquelle im Leiden nur bedingungslose Unterwerfung übriggeblieben ist. Und wenn er zu dieser bereit ist, hätte er sich wahrscheinlich den Umweg sparen können.

Das Unbehagen in der Kultur. Und andere kulturtheoretische Schriften, Sigmund Freud, Fischer, 2. Auflage, 2010, 192 Seiten; S. 51.

Ich halte in einem gewissen Sinn diesen Begriff der ursprünglichen Erfahrung fest; ich glaube, daß angesichts des ungeheuren Übergewichts der verdinglichten Welt das Mittel, durch das wir uns dem Schein entziehen, den diese verhärtete, präfabrizierte Welt uns antut, tatsächlich darin besteht, daß wir zu solchen Erfahrungen überhaupt fähig sind, ich möchte fast sagen, daß wir uns einen Moment der Naivität erhalten. So ist denn überhaupt paradoxerweise die Philosophie, die zunächst doch die Forderung der Unnaivität gegenüber der Erscheinung ist, auf der anderen Seite auch die Forderung der Naivität in dem Sinn, daß man sich nicht dumm machen läßt, daß man nicht der Welt einfach das abkauft, was sie sagt, sondern daß man, ich möchte beinahe sagen, wie ein Kind auf dem beharrt, bei dem stehenbleibt, was man nun einmal gesehen hat.

Philosophische Terminologie, Band 1, Theodor W. Adorno,  Suhrkamp Verlag, 1973, 240 Seiten; S. 85-86.